Google+: Meine Analyse 7


Ich habe eine Weile überlegt, ob ich überhaupt noch einen Artikel zu Google+ verfassen soll. Als Google letzte Woche mit diesem Netzwerk an die Öffentlichkeit ging, war ich gerade im Urlaub und konnte zwar eine Einladung ergattern, hatte als Hardware nur ein iPad und ein Netbook zur Verfügung. Das taugte nicht für einen gründlichen Test und auch das Verfassen eines umfangreicheren Reviews wäre ein Qual gewesen.

Inzwischen habe ich das Google Netzwerk umfassend testen können, und die Blogosphäre quillt bereits über mit Erfahrungsberichten und Prognosen über die weitere Entwicklung dieser neuen Plattform. Dennoch halte ich Google+ für so bedeutend, dass ich mir einen eigenen Artikel hierzu nicht verkneifen kann. Die genervten mögen es mir verzeihen.

Google+ der Facebook Killer?

Dass Google einen Facebook Killer (TM) in Vorbereitung hat, war in der Gerüchteküche ja schon länger im Umlauf. Ich muss gestehen, dass ich einem erneuten Vorstoß Googles im Social Media Bereich sehr skeptisch gegenüber stand. Wie viele andere sah ich das Scheitern von Wave und Buzz als Indizien dafür, dass der Suchgigant auf diesem Gebiet einfach nicht mitziehen kann. Als ich dann letzte Woche meine ersten Erfahrungen mit Google+ machen durften war ich überrascht, dass selbst in der eingeschränkten mobilen Version auf dem iPad ein durchdachtes, bedienbares Produkt vorlag. Mehr noch: Es machte Spaß, mit diesem Netzwerk zu arbeiten.

Aus dem Urlaub zurück gekommen konnte ich Google+ dann auch auf dem Desktop an einem großen Monitor erfahren. Wenngleich die mobile Website sehr gut ist, so spielt Google erst hier die volle Power aus. Auf den ersten Blick erinnert die Oberfläche schon ziemlich an Facebook, kommt aber ruhiger und aufgeräumter daher:

Martin Mißfeldt formulierte es in seinem Erfahrungsbericht so hart wie zutreffend:

Das Zuckerberg-Portal sieht dagegen aus wie ein ausgeschütteter 1und1 Homepage-Baukasten.

Doch nicht nur das aufgeräumte Design ist es, mit dem sich Google von Anfang an positiv von der Konkurrenz abhebt: Mit Hilfe sogenannter Kreise kann man seine Kontakte gruppieren und bei jedem veröffentlichten Inhalt festlegen, für welche Kreise dieser sichtbar ist. Zwar bietet Facebook mit seinen Freundeslisten eine ähnliche Funktionalität, aber deren Nutzung fühlt sich einfach ungeschmeidig an. Zur Verwaltung der Kreise wurde ein sehr gutes User-Interface gebaut, bei dem man seine Kontakte einfach per Drag-And-Drop in die gewünschten Kreise ziehen kann:

Kreise auf Google+ organisieren

Die optimale Organisation der eigenen Kreise ist eine fast schon philosophische Frage und entsprechend viele Tipps und Ansichten zur Kategorisierung seiner Kontakte kursieren derzeit auf der Plattform.

Ist Google+ nun der erwartete Facebook-Killer? Immerhin ist die Plattform in nur wenigen Tagen auf geschätzt eine halbe Million Nutzer angewachsen und funktioniert immer noch reibungslos. Die Qualität des geshareten Contents ist, zumindest in meinem Netzwerk, sehr hoch und erinnert mich an Friendfeed in seinen besten Tagen. Dies könnte allerdings auch dem Umstand geschuldet sein, dass die Userbase sich derzeit vorwiegend aus Nerds, Social Media Professionals und Internetsüchtigen zusammensetzt. Sollte die breite Masse wirklich eines Tages nachziehen, könnte sich dieser Aspekt normalisieren. Der ewige Poweruser Robert Scoble rechnet allerdings nicht mit einem solchen Exodus: Why yo momma won’t use Google+.

Vorläufiges Fazit

Das grundlegende Konzept, wie Beziehungen hergestellt und Inhalte veröffentlicht werden, ist prinzipiell eher mit Twitter zu vergleichen. Insofern sehen manche in Google+ auch eher eine Gefahr für Twitter, als für Facebook. Wie auch immer, die Plattform hat die Social Networking Landschaft massiv aufgewirbelt und meiner Meinung nach um neue Impulse bereichert. Die Tatsache, dass Facebook eine App zum Export der Freunde gesperrt hat lässt auf eine gewisse Nervosität in diesem Lager schließen. Und der ehemalige Quasi-Monopolist Zuckerberg steht jetzt genau so unter Zugzwang wie Twitter. Wenn Facebook nun bei Useability und Datenschutz nachbessert, profitiert auch der normale Nutzer. Allein dafür ist es gut, dass es Google+ gibt.


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7 Gedanken zu “Google+: Meine Analyse

  • Torsten

    Man sollte nicht außer Acht lassen, daß Google bei den Nutzern dennoch einen besseren Ruf hat als Facebook. Das ist ein gewaltiger Pluspunkt für Google+.

  • Jasmina

    Hi Thomas,

    Deine Einschätzung liegt sehr nah an meiner – deswegen kann ich Dir nur beipflichten. Ich finde Google+ top, aber was die Qualität meines bisherigen Streams betrifft, bin ich auch der Meinung, dass es derzeit noch dem Umstand geschuldet ist, dass sich dort derzeit vorerst nur die Early Adopter befinden, die mit der ganzen Sache auch etwas anfangen können. Ein klein wenig glaube ich auch an die Vermutungen von Robert Scoble.
    Aber: nichts ist sicher und ich bin gespannt, wie sich Google Plus und Facebook demnächst positionieren werden.

    LG
    Jasmina

  • joghurtKULTUR

    Bis google+ ein Facebook-Killer wird, dauert es noch eine ganze weile, ich denke eher das Twitter und Xing unter Google Plus zu leiden haben werden. Vielleicht wird der Wert von Twitter dann wenigstens wieder auf Normalniveau gesenkt :-)

  • Viktor

    Hi,
    ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Facebook durch G+ komplett verschwindet, aber durchaus an Userzahlen einbüßen wird. Denn G+ ist um einiges – wie schon gesagt – aufgeräumter. Außerdem gibt es keine nervigen Spiele und Spam-Anwendungen… :)

    Viele Grüße,
    Viktor

  • Kate

    Sehr guter Bericht, kann dir in deinem Fazit nur zustimmen. Habe G+ von der ersten Nutzung an eher als einen Twitterkiller als FB-Killer angesehen. Wie Robert auch richtig sagt, wird nie die „ganz“ große Welle zu G+ schwappen. Dafür ist FB in der primtiveren Handhabung (ohne Circles) immer noch einfacher zu verstehen.

  • Haxim Murati

    Danke für den Bericht. Ich glaube nicht, dass google+ sich zum Facebook Killer herausarbeiten wird. Da kann ich meinem Vorredner nur Recht geben. Die ganze Jugend ist zur Zeit auf Facebook vernetzt, auf den Smartphones wird per Facebook gechattet, …

    Google+ hat meines Erachtens keine Chance.