Wen interessiert schon das Internet?
Liest man sich derzeit durch die deutsche Blogosphäre, so beherrscht ein Thema dort seit Wochen die Konversation: Unsere gewählten Volksvertreter sind dabei, das Internet in Deutschland zu demontieren. Anstatt endlich eine Rechtssicherheit für Website-Betreiber zu schaffen, wird unter dem Vorwand der Bekämpfung von Kinderpornographie eine Zensurinfrastruktur geschaffen. Lobbyverbände wie der Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V. oder die Deutsche Kinderhilfe eilen der Regierung dabei zu Hilfe, um sicherzustellen, dass auch die eigenen Interessen bei der Verabschiedung der entsprechenden Gesetze nicht zu kurz kommen. Eine Petition gegen die Verabschiedung des umstrittenen Gesetz zur Sperrung von Online-Inhalten findet zwar innerhalb kürzester Zeit 80.000 Unterzeichner, wird aber dennoch wirkungslos verpuffen. Warum?
In Deutschland interessiert sich niemand für das Internet
Diese These mag manchem Leser dieses Blogs erstaunlich vorkommen, aber seht Euch doch mal in Eurem wahlberechtigen Bekanntenkreis um, wie die Leute das Netz nutzen: Man hat einen privaten E-Mail Account, vielleicht ein Profil auf Xing oder StudiVZ und handelt mal was auf eBay. Wer Fotos bei Flickr einstellt oder einen Twitter Account hat und auch nutzt, gehört schon zu den Powerusern. In einem Artikel der Mitteldeutschen Zeitung ist zu lesen:
Lackhoff kritisierte, zu viele Politiker verstünden das Internet als große Errungenschaft und sähen in einer Begrenzung eine Zensur.
Hans-Peter Lackhoff ist Vorsizender des IDV (Interessenverband des Video- und Medienfachhandels). Das Problem ist tatsächlich, dass kaum jemand hierzulande verstanden hat, dass das Internet eine grosse Errungenschaft IST. Es ermöglicht Menschen über Ländergrenzen hinweg in Nullzeit zu kommunizieren, Gedanken auszutauschen, einen Blick über den künstlich aufgezwungenen Tellerrand einer nationalen Kultur zu werfen.
Für Machthaber aller Länder stellen solche Möglichkeiten eine Gefahr dar. Denn das Volk kann sich jetzt selbst informieren: Wohin die Steuergelder fliessen, wo Kriege mit welchen Motiven geführt werden, welche Politiker Posten in der Wirtschaft besetzen, etc. All das unabhängig von der Presse, die sich vielleicht noch kontrollieren liesse. Staaten wie China oder Saudi Arabien haben daher schon lange effektive Massnahmen gegen diese Gefahr.
Auch mächtige Wirtschaftszweige leiden unter dem Internet: Für den Interessenverband des Video- und Medienfachhandels, der vermutlich einen beträchtlichen Teil seiner Umsätze mit dem Verleih von Pornovideos erzielt, ist ein Internet, in dem es an jeder Ecke Gratis-Pr0n gibt eine Katastrophe. Wie praktisch, dass man da den Kinder- und Jugendschutz vorschieben kann. Dem Buchhandel gruselt es vor E-Books zum Download, und die Presse leidet unter Bloggern, die teilweise gründlicher recherchieren als die eigenen unterbezahlten Mitarbeiter.
Für diese Leute ist es ein Segen, dass es hierzulande kaum jemanden stören wird, wenn das Internet Stück für Stück kaputtreguliert wird. Bis auf eine Gruppe von vielleicht 500.000 Powerusern ist es den Leuten doch völlig egal, was mit dem Netz passiert. Die meisten haben ganz andere Probleme und sind froh, wenn sie am Feierabend für ein paar Stunden in die Plastikwelt der Medienindustrie abtauchen können, anstatt sich auch noch mit dem Internet auseinanderzusetzen.
Langfristig erscheint es unwahrscheinlich, dass der Kampf für ein freies Internet noch zu gewinnen ist. Er wird sich aber noch eine ganze Weile hinziehen, und solange sollten wir das Beste daraus machen. Hoka Hey!






Mai 20th, 2009 at 10:08
Sehr gut zusammengefasst. Danke.
Ich finde, das man noch viel mehr herausstellen muss, das es nicht nur um ein Internet für ein paar Freaks geht, sondern um eine Entwicklung die unsere gesamte Gesellschaft betrifft. Siehe das Video “Du bist Terrorist”(http://www.janimnetz.de/2009/05/19/du-bist-deutschland-oder-so/).
Das Internet ist der Wirtschaftsmotor der Zukunft (wenn es das nicht jetzt schon ist).
Letztlich wird diese Entwicklung hin zu immer mehr Überwachung und Zensur auch Auswirkungen auf die Kreativität und Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaft und damit ihre Zukunftsfähigkeit haben.
Oder provokanter formuliert: unsere jetzigen Machthaber in Politik und Wirtschaft setzen unser wirtschaftlichen Grundlage der Zukunft (die unserer Kinder und Kindeskinder, Frau v. d. Leyen) auf´s Spiel.
Mai 20th, 2009 at 10:18
Traurig, aber leider wahr.
Ich oute mich mal als einer dieser Power-User, die auch noch im und mit dem Internet ihr Geld verdienen und daher auch darauf angewiesen sind. Mail-Programm, Feed-Reader, IRC-Chat, IM, Twitter, Skype und Co gehören zu meinem Alltag und sind mind. 12-14 Std./tgl. in Betrieb. Ich stehe immer Kopfschütteld da, wenn mir am Ende der Woche jemand erzählt, dass er diese Woch noch gar nicht im Internet war und seine Mails sowieso nur alle 1 bis 2 Wochen mal checkt. Ich kann mir ein Leben ohne das Internt nicht mehr vorstellen.
Wenn ich aber mal so darüber nachdenke: Wird dem Internet nicht vielleicht an manchen Stellen schon zu viel Bedeutung beigemessen? Ist es vielleicht sinnvoll in manchen Situationen sich wieder auf das althergebrachte zu besinnen? Es können und wollen halt nicht alle Menschen dieses Landes oder der ganzen Welt 24/7 online sein – auch wenn ich persönlich dies befürworten würde.
Aber egal, ob Power-User, Gelegenheits-Surfer oder Technik-Abstinensler – es müssen alle einsehen, das man sich auch im Internet an gewisse Relgeln halten muss, deren Einhaltung aber nicht durch die geplanten Erschwernisse oder Zensuren auf Dauer sinnvoll zu erreichen ist.
Juni 21st, 2009 at 11:06
wer, wie wird eigentlich dieses stopschild eingebaut?