Identität und Branding im Web 2.5 14


Einst war das Web 0.95b, und der hippe Internetuser hatte eine eigene Homepage als Unterverzeichnis bei seiner Uni oder bei seinem Dial-Up Provider. Nach einiger Zeit erkannten auch grosse Firmen, dass eine Website eine gewisse Bedeutung für das Image hatte, und realisierten ihre eigenen Webauftritte. Diese frühen Internetpräsenzen erinnerten zwar oft an die unbeholfenen Experimente, mit denen sich heute einige Firmen im Second Life darstellen, aber man erkannte schnell, dass eine URL der Art http://members.aol.com/m0neyMakerAckrmn beispielsweise für ein international agierendes Geldinstitut einen unprofessionellen Eindruck hinterlässt. So begannen diese Unternehmen, damals noch für viel Geld, Domains unter ihrem Firmennamen zu registrieren.

Heute gibt es Domainnamen und Webspace zum Taschengeldpreis. Wer meint, der Welt etwas mitteilen zu können, führt ein Blog, erreichbar unter seiner ganz persönlichen Domain. Wird zunächst eher zufällig im Netz gefunden, bekommt hoffentlich Stammleser, wird von anderen zitiert und verlinkt. Die eigene Website, das eigene Blog und schliesslich auch die eigene Person werden zur Marke. Don Alphonso, Robert Basic, der Schockwellenreiter oder Johnny Spreeblick Haeusler fallen mir als besonders erfolgreiche Personenmarken des deutschsprachigen Webs ein, aber es gibt letztendlich dutzende davon.

Warum ist es gut, eine starke Marke zu haben? Im Grunde aus dem gleichen Grund, aus dem Firmen so grossen Wert auf ihr Branding legen: Eine Marke verleiht eine Identität und vermittelt Glaubwürdigkeit. Wäre es mir völlig egal, ob die Leute meinem Geschreibe eine Bedeutung zumessen, bräuchte ich vermutlich keine Marke. Aber würde ich dann ein Blog führen? Es liegt in der Natur des Menschen, nach Aufmerksamkeit zu streben. Auch aus Karrieresicht ist ein starkes Branding enorm wertvoll, kann man sich doch über die Marke hervorragend als Experte für sein Fachgebiet profilieren. Für selbständige Berater ist das unverzichtbar, aber auch als Angestellter sollte man seinen Martwert dadurch erhöhen können.

Was nun hat das jetzt mit dem Web 2.5 aus der Überschrift auf sich? Hier möchte ich zunächst auf ein Video verweisen, in dem Google CEO Eric Schmidt von einem Journalisten aufgefordert wird, das Web 3.0 zu erklären:

[…]Web 3.0 will be „applications that are pieced together“ – with the characteristics that the applications are relatively small, the data is in the cloud, the applications can run on any device (PC or mobile), the apps are very fast and very customizable, and are distributed virally[…]

Sieht man sich jetzt mal im aktuellen Web um, so erkennt man, dass wir bereits auf dem besten Weg dorthin sind. Schon jetzt verteilen sich Daten einer einzelnen, im Web aktiven Person auf dutzende von Diensten: Die Fotos bei Flickr, das berufliche Profil und Geschäftskontakte bei Xing, selbstgeschriebene Artikel im eigenen Blog, kleine Infohappen bei Twitter oder Pownce. »The data is in the cloud« – das haben wir bereits jetzt in recht ausgeprägter Form. Die Aufgabe des Web 3.0 könnte es werden, solche verteilten Daten, die zusammengehören, wieder zusammenzuführen. Facebook ist mit seinen Applications ein erstaunlicher Schritt in diese Richtung gelungen, aber noch sind viele Puzzlestücke lose im Netz verstreut. Das Web ist irgendwo auf dem Weg zur Version 3, man könnte sagen, wir befinden uns im Web 2.5.

War früher die eigene Website mit deren Inhalten Dreh- und Angelpunkt der Marke eines Netizens, finden sich diese Inhalte plötzlich über das ganze Web verteilt. Der Mörtel, der die Informationssplitter zusammenkittet, ist die Identität ihres Erzeugers. Eine starke Identität stellt dabei sicher, dass den Daten auch die Aufmerksamkeit zuteil wird, die ihnen gebührt. Die Plattform selbst spielt dabei eine sekundäre Rolle. Würde ein Scoble sich entschliessen, auf dem dahindarbenden Dukudu zu schreiben, seine Leserschaft würde ihn finden. Sollte Robert Basic seine Website dichtmachen und anfangen, auf seiner Facebook-Seite zu bloggen – ich glaube nicht, dass er viele Stammleser dadurch verlieren würde. Nicht BasicThinking ist die Marke, Robert selbst ist es.

Mit einer guten persönlichen Marke wird es sekundär, für welche Plattform man sich entscheidet. Fehlt dagegen das persönliche Branding, die Identität, so wird man in der Masse untergehen. Da hilft auch keine eigene Domain mehr. In einem zukünftigen Artikel will ich versuchen herauszuarbeiten, wie man die eigene Markenidentität stärken kann.


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14 Gedanken zu “Identität und Branding im Web 2.5

  • Webmaster Beitragsautor

    Mailadresse ist raus, muss den Kommentarform mal anpassen. Trackback Funktion musste ich hier vor einiger Zeit lastbedingt deaktivieren – wo hast Du noch eine URL gefunden?

  • Oliver

    Hi, vielen Dank für die E-Mail-Korrektur. Ich habe leider gar keine Trackback-URL gefunden. So gesehen ist alles in Ordnung. 😉

    Aber vielleicht könnte man ja wenigstens einen Hinweis darauf hinterlegen, wie sich die Trackback-URL hier zusammensetzt – oder einen darauf, dass Trackbacks deaktiviert sind. Irgendwie schade, wenn`s mit den Pings und Trackbacks nicht so klappt…

  • tobe

    schöner erster artikel der neuen identität 😉 das mit der marke gefällt mir.
    aber von web 3.0 zu sprechen wie es hier bzw bei google getan wird, finde ich mal wieder typisch.

    die beschriebenen charakteristika gehören ganz klar zu web 2.0, das mal wieder bis zum heutigen tage von aller munde gehyped aber nirgends voll umgesetzt wurde.
    erinnert irgendwie an micr*soft : wenn wir das alte endlich marktreif entwickelt haben, verkaufen wir es als neues produkt…

  • Webmaster Beitragsautor

    @Oliver: Ja, das ist sehr schade, aber als die Spammer hier anfingen, mehrere Trackbacks pro Sekunde hinzuschicken, hat das trotz wirkendem Spamfilter so eine Datenbanklast erzeugt, dass ich das Feature abschalten musste.

    @tobe: Ich sehe derzeit schon einen Fortschritt gegenüber dem ursprünglichen Web 2.0, wie es durch Blogs, Wikis, del.icio.us oder Flickr geprägt wurde, daher finde ich persönlich den Versionssprung auf 2.5 gerechtfertigt. Da es aber zum Glück keine zentrale Versionierungsbehörde gibt, werden diese Begriffe immer eine Krücke bleiben und letztendlich immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten führen.

  • Mattthias

    Den Bezug von Branding und den Entwicklungsstufen des Web finde ich etwas schwierig.

    Denn auch im Web 1.0 (oder 0.95) konnte man (nur) mit einer sehr guten Website bekannt werden und sich eine Reputation aufbauen. Entscheidend dafür waren aber die Inhalte.

    Heute im Web 2.0 ist das nicht anders: Ein Profil auf Facebook und ein paar Fotos bei Flickr reichen noch nicht für ein Branding – dazu gehört schon etwas mehr (etwa gute Blogartikel).

    Immerhin: Das Web macht es uns zunehmend leichter, uns selbst zu vermarkten und eben diese Reputation (Branding) aufzubauen. Und tatsächlich liegen die Daten dazu immer weniger zuhause auf dem PC oder anderweitig auf einem zentralen Server, sondern “in the cloud” – ein bisschen hier ein bisschen da und alles schön zusammengehalten von Breitbandnetzen oder dem Mobilfunk.

  • Webmaster Beitragsautor

    @Matthias: Dass die Inhalte schon immer entscheidend waren, ist völlig richtig. Aber in einem Netz, wo die Inhalte bruchstückartig kreuz und quer verteilt sind, halte ich die Identität eines Urhebers für immer bedeutungsvoller.

    Meine Aussage ist nicht, dass ein Branding durch die Verteilung der Information einfacher wird, sondern es wird wichtiger, seine Marke aufzubauen. Denn nur mit einer starken Identität kann ich dafür sorgen, dass meine Daten auch gefunden werden.

  • Rainer Feike

    Bei den Ausführungen zum Branding stimme ich voll und ganz zu. Nur eine technische Feinheit sehe ich anders:
    Ich denke die Daten bleiben in den Wolken. Gesucht ist ein Kleber für die verschiedenen Speicherorte, nicht ein Megaspeicherort. Der Kleber muss aus Transfertechnik (SOA?) und Application (Freebase?) und evtl. Identifikation (OpenID?) bestehen – und dann alle verteilten Daten konsolidiert präsentieren.

  • Claudia Klinger

    Auf Facebook würde ich Robert Basic nicht mehr lesen, denn ich mag persönliche Medien, die durchweg vom Verfasser verantwortet und gestaltet werden. Und: wie soll denn jemand “eine Marke aufbauen”, wenn er von vorne herein seine Daten in zig Communities zerstreut? Ich kenne Leute, die führen 5 identische Blogs in verschiedenen Communities, “um die dortige Leserschaft zu erreichen” – ja Himmel nochmal, was für ein redundanter Aufwand!

    Der Flickr-Skandal hat im übrigen manchen die Augen dafür geöffnet, wie problematisch es ist, sich mit allem, was einem “lieb und wert” ist (Daten, Kontakte!), in die virtuelle Leibeigenschaft einer Community zu begeben!

    In der Blog-Szene sehe ich den deutlichen Trend: Massenhoster für Anfänger, wer es ernst meint, richtet sich ein EIGENES Blog auf EIGENEM Server ein.

    Verteilte Daten in Wolken – schön und gut, wenn ich es bin, die deren Verteilung, Vernetzung und den Zugang dazu selbst bestimme. Es wäre toll, wenn es eine von Firmen und ihrem Verwertungsinteresse unabhängige Technik gäbe, diese “Clouds” nach eigenem Gutdünken zu computieren – alles andere sehe ich als schleichende Enteignung an.

  • Webmaster Beitragsautor

    Danke für das differenzierte Feedback.

    Zum Flickr-Skandal: Die Accountlöschungen dort sind in der Tat mehr als ärgerlich.

    Aber ich hoffe doch, dass die Leute Ihre Fotos noch auf ihrer eigenen Platte hat. Wer wichtige Daten einzig auf einem Fremdmedium ablegt, ist in der Tat ziemlich leichtsinnig damit.

    Was die Kontakte verlorenen Kontakte dort angeht, würde ich dagegen sagen: Wie gewonnen, so zeronnen. Ohne die Plattform wären diese ja vermutlich erst gar nicht entstanden. Und diejenigen, die ihre Identität netzweit pflegen, sind auch über mehrere Punkte und nicht alleine durch Flickr vernetzt.

    Der eigenen Domain wollte ich auch keinesfalls die Existenzberechtigung entziehen, sie ist zweifellos ein wichtiges Werkzeug. Dennoch denke ich, dass die eigentliche Marke der Blogger selbst mit seinem Schreibstil ist, nicht das Blog oder dessen Domain.

  • Baynado

    Du hast hier ein interessantes thema aufgegriffen. ich selber bin auf mehreren Plattformen unterwegs und verteile dort meine Daten. Ich fände es bedenklich wenn eine zusammenführung meiner Daten automatisch erfolgen würde.
    Aber wenn man es vor dem Hintergrund betrachtet eine personal Branding auszubauen, kann man schon heute über einen gut gepflegten Blog alle relevanten Daten über sich selbst den Besuche zugänglich machen.

    Meiner Meinung nach ist Web 3.0 nicht irgendeine neue Plattform oder Technologie, sondern der gereifte Prosumer selber, der Herr über seine Daten ist, und sie je nach Gusto den Webnutzern, z.B. über einen Blog zugänglich macht.

    Dabei hilfreich sind natürlich APIs.